Im Bello Vero, dem Italiener in Kitashirakawa (Kyoto), sind drei neue Rotweine eingetroffen. Jeder kommt aus einer anderen Region, von einer anderen Rebsorte und aus einer anderen Stilrichtung – je eine Flasche aus dem Piemont, aus Venetien und aus der Toskana.
Wenn man von Norden bis ins Zentrum eine senkrechte Linie ueber die italienische Halbinsel zieht, reihen sich entlang dieser Linie die grossen „Heiligtuemer des Rotweins" – und genau diese drei haben es diesmal in unsere Karte geschafft. Wir stellen sie der Reihe nach vor.
Wein 1 | Cascina Roccalini „Barbaresco Roccalini 2020" (Piemont / Italien)
Der erste Wein kommt aus einer der Spitzenappellationen des italienischen Rotweins: Barbaresco DOCG. Erzeuger ist Cascina Roccalini – ein familiengefuehrtes Mikro-Weingut mit kleinen Parzellen im Dorf Barbaresco im Piemont. Inhaber Paolo Veneroso bewirtschaftet ausschliesslich die Flaechen, die er noch mit eigener Hand pflegen kann; die Jahresproduktion ist entsprechend winzig. Umso schoener, wenn eine Flasche zu uns nach Kyoto findet.
Die Rebflaechen liegen konzentriert in der Cru-Lage „Roccalini", die stolz auch auf dem Etikett vermerkt ist. Boeden aus Kalkmergel und Ton, alte Rebstoecke (zum Teil ueber 50 Jahre), naturnaher Anbau ohne konventionelle Routine. Der Ausbau erfolgt im traditionellen Grossfass (botte grande), ohne den Wein mit Neuholzaromen zu ueberlagern – die klassische Schule der Langhe.
Die Rebsorte ist selbstverstaendlich Nebbiolo zu 100 %. Ihr Name leitet sich vom piemontesischen Herbstnebel (nebbia) ab, und sie ist eine der eigenwilligsten Trauben der Welt: helle Beerenhaut, aber gewaltige Tannine und intensive Saeure. Im Vergleich zum benachbarten Barolo gilt der Barbaresco im Allgemeinen als aromatischer und geschmeidiger.
Der Jahrgang 2020 war im Piemont warm und unkompliziert. Der Roccalini 2020 zeigt im Glas ein granatfarbenes Rubin. In der Nase Rosenstrauss, getrocknete Kirschen, schwarzer Tee, getrocknete Kraeuter, im Hintergrund Teer (catrame) und Lakritz – das klassische Lehrbuch-Bukett des Nebbiolo. Am Gaumen ueberraschend saftige Frucht, darunter seidig-feine Tannine, klare Saeure und ein langer Nachhall. Noch jung, aber bereits jetzt eine grosse Freude im Glas.
Hervorragende Begleiter sind Wagyu-Braten, Risotto oder Pasta mit Pilzen (vor allem Steinpilzen oder schwarzem Trueffel), Ente oder Taube aus dem Ofen und gereifter Kaese. Aromenintensive Speisen mit umami-betonter Saucenfuehrung sind sein Element. Bei 16–18 °C und in einem grossen Burgunderglas serviert, oeffnet er sich langsam und belohnt jede Minute Geduld.
Wein 2 | L'Arco „Arcum" Valpolicella Ripasso Classico Superiore 2022 (Venetien / Italien)
Der zweite Wein stammt aus dem Valpolicella in Venetien, vom Naturwinzer L'Arco – einem Mikro-Weingut im Herzen der Valpolicella Classica, gefuehrt von Luca Fedrico. Die Reben stehen rund um San Pietro in Cariano; auf dem Etikett ist die Adresse des Winzers ungeschmueckt vermerkt: imbottigliato da Federico Luca – via strada Ravarina.
Der Rotwein des Valpolicella ist klassisch in vier Kategorien gegliedert: Valpolicella, Ripasso, Amarone und Recioto. Diesmal ist es der Ripasso – auch „Baby Amarone" genannt –, der seinen ganz eigenen Vinifikationsweg geht.
Zunaechst wird ein gewoehnlicher Valpolicella ausgebaut, der anschliessend noch einmal ueber den Trester (vinaccia) des bereits abgepressten Amarone „nachgereicht" wird. Genau das bedeutet ripasso – „nochmals durchgehen". Bei diesem Schritt nimmt der Wein einen Teil der Frucht, Tannine und Komplexitaet des Amarone auf. Heraus kommt der Stil eines „Best-of-both-worlds" aus frischem Valpolicella und kraftvollem Amarone.
„Arcum" ist der gehobene Ripasso von L'Arco, aus den Lagen, die das Praedikat Classico Superiore tragen duerfen. Das Cuvee folgt der traditionellen Mischung des Valpolicella, mit Corvina, Corvinone und Rondinella als Hauptsorten und ein paar autochthonen Trauben als Wuerze. Mit 14,5 % Alkohol kuendigt das Etikett bereits eine straffe Statur an.
Im Glas ein tiefes Granatrot. In der Nase getrocknete Kirsche, Pflaume, Rosine, Kakao, Trockenkraeuter, im Hintergrund Veilchen und schwarzer Pfeffer. Die fuer den Ripasso typische konzentrierte Frucht liegt neben einer klaren Reduktion und erdigen Note, wie sie der Naturweinausbau mit sich bringt. Am Gaumen leichter, als die Farbe vermuten laesst: feine Tannine, lebendige Saeure, im Nachhall die Bitterkeit edler Schokolade und ein Hauch Doerrobst-Suesse. Kein Ripasso, der mit Wucht arbeitet, sondern einer, der mit Aroma fuehrt.
Hervorragende Begleiter sind Pasta alla Bolognese, geschmorte Salsiccia mit Bohnen, Lampredotto (geschmorter Rindermagen), Ragout von Ente oder Wildschwein und halbgereifter Kaese wie Pecorino. In der kalten Jahreszeit ist er der ideale Partner zu langen Schmorgerichten. Serviert bei 16–18 °C in einem mittelweiten Rotweinglas.
Wein 3 | Poderi Sanguineto I e II „Vino Nobile di Montepulciano 2021" (Toskana / Italien)
Der dritte Wein kommt aus Montepulciano in der Toskana, von einem kleinen, von zwei Schwestern gefuehrten Weingut: Poderi Sanguineto I e II. Inhaberinnen sind Dora und Patrizia Castagnoli. Das „I e II" steht fuer „Erstes und zweites Gut": Jede Schwester bewirtschaftet ihre eigenen Reben und ihren eigenen Keller, am Ende fliessen beide Wege in einer Flasche zusammen.
Die Parzellen liegen in einem schmalen Streifen rund um das Dorf Montepulciano. Die Arbeit erfolgt fast vollstaendig in Handarbeit, ohne konventionelle Routinepflege; ausgebaut wird klassisch im toskanischen Grossfass (botte grande), mit zurueckhaltender Extraktion. Ein „Geheimtipp der Toskana", den Sommeliers in aller Welt schaetzen.
Der offizielle Name lautet Vino Nobile di Montepulciano DOCG – neben Brunello di Montalcino und Chianti Classico eine der drei grossen Rotwein-Appellationen der Toskana. Hauptrebsorte ist Prugnolo Gentile – der lokale Klon des Sangiovese – ergaenzt um geringe Anteile autochthoner Trauben wie Canaiolo und Mammolo.
2021 war fuer die Toskana ein klassisch ausbalancierter Jahrgang. Der Sanguineto 2021 zeigt im Glas ein transparentes Rubin. In der Nase Kirsche, Granatapfel, Veilchen, Trockenkraeuter, schwarzer Tee und im Hintergrund eine erdige Note, wie sie alte Holzboeden in toskanischen Bauernhaeusern haben. Am Gaumen die fuer Sangiovese-Sorten typische klar gezeichnete Saeure als Geruest, mittelkraeftige Frucht, fein verwobene Tannine. „Ein Rotwein, den man nicht muede wird zu trinken, einer, der gerne neben dem Essen sitzt" – das trifft ihn sehr genau.
Hervorragende Begleiter sind Bistecca alla Toscana (gegrilltes Rindfleisch), Tagliata vom Chianina-Rind, Pappardelle mit Wildschweinragout, geschmorte Tomaten mit Bohnen und Pecorino Toscano. Er passt am natuerlichsten zur toskanischen Kueche, harmoniert aber auch erstaunlich gut mit japanischen Gerichten – geroestetes mageres Fleisch und umami-reiche Schmorgerichte. Serviert bei 16–18 °C in einem mittleren bis grossen Glas.
Alle drei vorgestellten Weine sind nur als Flasche erhaeltlich.
Einzige Ausnahme ist Champagner im Glas (¥2.000); Rot-, Weiss- und Orange-Weine schenken wir bei Bello Vero ausschliesslich flaschenweise aus.
Da der Bestand taeglich wechselt, sprechen Sie uns gerne an der Theke an.
Drei italienische Regionen, drei Rotweine – warum diese Auswahl?
Die drei Flaschen wurden bewusst entlang einer geografischen Linie ausgewaehlt: vom nebelverhangenen Barbaresco im Norden Italiens ueber die Huegel des Valpolicella bei Verona bis hinunter ins toskanische Montepulciano. Eine Reise vom Norden bis ins Zentrum der Halbinsel, an einem einzigen Abend.
- Cascina Roccalini „Barbaresco 2020" – Nebbiolo. Aromatisch, mit seidigen Tanninen. Rose, Kirsche, schwarzer Tee. Der Wein, der „mit dem Aroma den Nachhall traegt".
- L'Arco „Arcum" Valpolicella Ripasso 2022 – Cuvee aus der Corvina-Familie. Konzentrierte Frucht und Kakao, klare Reduktion. Der „Hauptdarsteller fuer Schmorgerichte in der Mitte des Menues".
- Poderi Sanguineto „Vino Nobile 2021" – Prugnolo Gentile. Transparentes Rubin, Saeure als Geruest. Der „Rotwein, der gerne neben dem Essen sitzt".
Da alle drei nur in der ganzen Flasche zu haben sind, lohnt es sich, nach Personenzahl und Menuefolge zu waehlen. Eine besonders schoene Dramaturgie waere etwa: Sanguineto zur Vorspeise und in der ersten Haelfte, Arcum zum Hauptgang, am Ende Roccalini zum Kaese. Aufwendig – aber lohnend.
So waehlen wir die Weine im Bello Vero aus
Unsere Karte ist nach Farben gegliedert – Rot, Weiss, Orange, Schaumwein – und enthaelt Flaschen aus Japan und mehreren europaeischen Laendern. Naturwein, biologisch, klassisch ausgebaut: keine Stilrichtung dominiert. Naturwein ist nicht per se „besser", und manchmal ist gerade der klassisch vinifizierte Wein der ideale Partner fuer das Gericht des Abends. Fragen Sie an der Theke einfach: „Was passt heute Abend?" – wir empfehlen gerne nach Speise und Tagesstimmung.
Adresse: Kitashirakawa Kubotacho 64-17, Sakyo-ku, Kyoto
Oeffnungszeiten: Di–So 13:00–22:00 Uhr (Last Order 21:30) / Montag Ruhetag
2 Minuten zu Fuss von der Bushaltestelle „Kitashirakawa" / ca. 15 Minuten zu Fuss vom Ginkakuji
Reservierungen: Online / TableCheck oder telefonisch unter +81 75-600-0740