Im Bello Vero, dem Italiener in Kitashirakawa (Kyoto), sind zwei neue Weine eingetroffen. Beide stammen diesmal aus Friaul-Julisch Venetien – jener kleinen Region im aeussersten Osten Italiens, die direkt an Slowenien grenzt. Friaul gilt als Heimat des italienischen Weissweins und hat die Welt mit aromatischen Sorten wie Pinot Grigio und Ribolla Gialla begeistert.

Seit einigen Jahren ist Friaul auch fuer eine andere Spezialitaet bekannt: Weisswein, der wie ein Roter auf der Maische vergoren wird – also Orange Wine. Winzer wie Gravner und Radikon haben diese Methode hier von Grund auf neu definiert: weisse Trauben mitsamt der Schalen ueber lange Zeit vergaeren zu lassen. Heute ist das ein weltweiter Massstab fuer die Naturweinszene geworden.

Die beiden eingetroffenen Flaschen erzaehlen diese Geschichte aus zwei sehr unterschiedlichen Blickwinkeln. Stellen wir sie der Reihe nach vor.

Wein 1 | Bressan „Verduzzo 2021" (Friaul-Julisch Venetien / Italien)

Der erste Wein stammt aus einem der historisch bedeutendsten Familienweingueter Friauls: Bressan Mastri Vinai, gegruendet 1726 – wie stolz auf dem Etikett vermerkt. Heute fuehrt Fulvio Bressan das Haus, und bereits die neunte Generation ist in Weinberg und Keller aktiv.

Das Anbaugebiet liegt in Farra d'Isonzo, im Tal des Isonzo, einer renommierten Lage mit kalkhaltigen Kiesboeden, die der Fluss ueber Jahrtausende abgelagert hat. Im letzten Monat hatten wir bei Bello Vero bereits den Bressan Pinot Nero 2018 im Programm; diesmal gibt es eine deutlich seltenere Spezialitaet aus demselben Keller – einen Verduzzo Friulano Jahrgang 2021, gewonnen aus einer einheimischen Rebsorte.

Verduzzo gehoert zu den friulanischen Weissweinsorten, die sich durch intensives Aroma und besonders dicke Schalen auszeichnen. Bekannt ist die Sorte vor allem als leicht suesser „Ramandolo" in Form eines Dessertweins. Bressan dagegen vinifiziert sie trocken (secco) und mit verlaengerter Maischestandzeit. Das Ergebnis: eine leuchtend bernsteinfarbene bis roetlich-goldene Farbe. Schon beim Einschenken sieht man, dass es sich um einen Wein mit deutlicher Orange-Wine-Anmutung handelt.

In der Nase reife Aprikose, eingelegter weisser Pfirsich, Orangenschale, Honig, Kraeuter und im Hintergrund eine feine Nussnote. Die natuerliche Aromatik der Traube wird durch die Maischegaerung um eine schoene Komplexitaet erweitert. Am Gaumen verbinden sich kraftvolle Frucht und sanfte, schalengepraegte Tannine mit klar gezeichneter Saeure. Der Nachhall ist erstaunlich lang. „Ein Weisswein mit der Statur eines Rotweins" – diese Beschreibung trifft es gut.

Hervorragende Begleiter sind Jamon Serrano oder gereifter Rohschinken, angebratene Salsiccia, Pilzrisotto, krautiger Brat- oder Schweinebraten und Caprese mit halbgetrockneten Tomaten. Gerichte mit intensivem Aroma und Fett, die ein gewoehnlicher Weisswein nicht halten koennte, finden hier ihren Partner. Bei einer etwas waermeren Trinktemperatur von 13–15 °C entfaltet sich die Aromenvielfalt Schicht fuer Schicht.

Wein 2 | Damijan Podversic „Ribolla Gialla" (Friaul-Julisch Venetien / Italien)

Der zweite Wein kommt aus dem anderen Zentrum Friauls: Oslavia. Direkt noerdlich der Stadt Gorizia, an die slowenische Grenze geschmiegt, liegen die Huegel mit den Weingaerten von Gravner, Radikon, Primosic und anderen Naturwinzern, die die Orange-Wine-Bewegung in die Welt getragen haben. Oslavia ist gewissermassen das Mekka der Naturweinszene.

Einer von ihnen ist Damijan Podversic. Er hat seine praegenden Jahre an der Seite von Josko Gravner verbracht und dann seinen eigenen Weg gefunden. Seine Weinberge liegen in winzigen Parzellen im Collio Goriziano und werden konsequent biologisch bewirtschaftet, bei extrem niedrigen Ertraegen pro Hektar.

Die hier vorgestellte Flasche ist 100 % Ribolla Gialla, die Leitsorte der Region. Ribolla Gialla ist die autochthone Traube Oslavias und wurde frueher als leichter, frischer Weisswein ausgebaut. Seit Gravner und Co. die lange Maischestandzeit eingefuehrt haben, ist daraus ein grosser bernsteinfarbener Weisswein geworden – und damit zu einer der bedeutendsten Sorten Friauls.

Der Ausbau folgt der Damijan-Handschrift: etwa zwei Monate Maischestandzeit (rund 60 Tage), ohne Temperaturkontrolle, spontane Vergaerung mit Naturhefen in offenen Behaeltern. Anschliessend reift der Wein 30 bis 36 Monate im grossen Holzfass (botte), bevor er auf der Flasche weiter ruht. Schwefel wird auf ein absolutes Minimum reduziert, der Wein bleibt ungefiltert und ungeschoent.

Im Glas zeigt er ein tiefes Gold bis Orange. In der Nase getrocknete Aprikose, Orangenmarmelade, schwarzer Tee, Bienenwachs, weisser Pfeffer, Trockenblumen. Am Gaumen umhuellen die feinen, fuer eine lange Maischestandzeit typischen Tannine die Zunge, gestuetzt von mineralischer Tiefe und straffer Saeure, wie sie zur Ribolla Gialla gehoert. Die Frucht tritt zurueck, im Nachhall bleibt eher eine verhaltene Schoenheit von „getrockneten Blumen" und „Tee". Beim zweiten Schluck schmeckt er besser als beim ersten, beim dritten besser als beim zweiten – und nach einer halben Stunde im Glas erst recht. Ein typischer Wein, den man mit Zeit trinkt.

Hervorragende Begleiter sind Carpaccio vom Fisch mit Salsa Verde, gegrillte Filets von weissfleischigem Fisch mit Kraeutersauce, Pasta mit Steinpilzen oder schwarzem Trueffel, angebratene Salsiccia oder Lampredotto sowie gereifter Kaese mit Honig. Je aromatischer und „erdiger" das Gericht, desto besser passt er. Etwas waermer servieren – 14–16 °C – und nicht in einem schmalen Weissweinglas, sondern im grossen Burgunderglas: erst dann zeigt der Wein, was er kann.

Beide vorgestellten Weine sind jeweils nur in einer Flasche verfuegbar.
Mit Ausnahme des Champagners im Glas (¥2.000) servieren wir nur ganze Flaschen.
Da der Bestand taeglich wechselt, sprechen Sie uns einfach an der Theke an.

Friaulische Weissweine auf der Maische – zwei Charaktere

Beide Weine kommen aus Friaul, beide werden auf der Maische ausgebaut – und doch koennten sie unterschiedlicher kaum sein.

Bressan „Verduzzo 2021": Eine seit 1726 bestehende Traditionskellerei macht aus der einheimischen Verduzzo-Traube einen fruchtbetonten, freundlichen Orange Wine. Historische Tiefe und unmittelbare Trinkfreude liegen dicht beieinander – ein idealer Einstieg fuer alle, die zum ersten Mal Orange Wine probieren.

Damijan „Ribolla Gialla": Ein Naturwinzer aus Oslavia liefert mit langer Maischestandzeit und langer Fassreife einen spannungsreichen, bernsteinfarbenen Ribolla. Kein Wein, den man beim ersten Schluck „versteht", sondern einer, dessen Verwandlung man in Ruhe nachverfolgen muss. Eine Flasche, die im Gedaechtnis bleibt – besonders fuer alle, die mit Orange Wine schon vertraut sind.

Die Rollenverteilung

Beide Weine sind nur als Flasche zu haben. Waehlen Sie nach Personenzahl, nach Gerichten und nach der Stimmung des Abends. Mit dem Bressan leicht in die Vorspeisen einsteigen und ab dem Hauptgang zum Damijan wechseln – auch dieser Bogen funktioniert wunderbar.

So waehlen wir die Weine im Bello Vero aus

Unsere Karte ist nach Farben gegliedert – Rot, Weiss, Orange, Schaumwein – und enthaelt Flaschen aus Japan und mehreren europaeischen Laendern. Naturwein, biodynamisch, klassisch ausgebaut: keine Stilrichtung dominiert. Naturwein ist nicht per se „besser", und manchmal passt der klassisch vinifizierte Wein perfekt zum Gericht des Abends. Fragen Sie an der Theke einfach: „Was passt heute Abend?" – wir empfehlen gerne nach Gericht und Tagesstimmung.

Adresse: Kitashirakawa Kubotacho 64-17, Sakyo-ku, Kyoto
Oeffnungszeiten: Di–So 13:00–22:00 Uhr (Last Order 21:30) / Montag Ruhetag
2 Minuten zu Fuss von der Bushaltestelle „Kitashirakawa" / ca. 15 Minuten zu Fuss vom Ginkakuji
Reservierungen: Online / TableCheck oder telefonisch unter +81 75-600-0740